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Wie toxisch sind die Gyrasehemmer? - 12/2015

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Schorsch
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Wie toxisch sind die Gyrasehemmer? - 12/2015

Beitragvon Schorsch » 31. Okt 2016, 20:40

Quelle: https://www.deutsche-apotheker-zeitung. ... rasehemmer

Wie toxisch sind die Gyrasehemmer? - 12/2015

Zu Wirkstoffen aus der Gruppe der Fluorchinolone gibt es immer wieder Berichte über bis dato unbekannte Nebenwirkungen. Für manche gibt es Erklärungsmodelle - für andere besteht noch Forschungsbedarf.

Immer wieder werden unerwünschte Wirkungen gemeldet, die in Zusammenhang mit einer Antibiotikatherapie stehen sollen: In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden Netzhautablösungen, Leberschäden und akutes Nierenversagen bei Männern gemeldet. Bei einigen Vertretern führten derartige Beobachtungen sogar zu Marktrücknahmen, beispielsweise bei Temafloxacin wegen hämolytischer Anämien, bei Sparfloxacin und Grepafloxacin wegen negativer kardiovaskulärer Effekte und bei Trovafloxacin wegen hepatotoxischer Wirkungen. In einer aktuellen Übersicht (DAZ 2015, Nr. 49, S. 26) geht der Toxikologe Prof. Ralf Stahlmann vom Institut für Klinische Pharmakologie der Charité in Berlin der Frage nach, wie alarmierend die neuesten epidemiologischen Daten sind und ob die Häufung von Netzhautablösungen oder Aortenveränderungen auch zufallsbedingt sein könnten.

Für Sehnenrupturen gibt es ein Erklärungsmodell

Zu den bekanntesten Nebenwirkungen, die auch im Beratungsgespräch in der Apotheke besondere Aufmerksamkeit verdienen, zählt das erhöhte Risiko für Tendopathien und Sehnenrupturen. Solche Fälle wurden bisher am häufigsten unter Levofloxacin, Ciprofloxacin, aber auch bei einer Behandlung mit Norfloxacin, Ofloxacin oder Moxifloxacin beobachtet.

Eine mögliche Erklärung, die einen kausalen Zusammenhang nahelegt, hat man dafür auch gefunden: Wie Stahlmann erläutert, binden alle Chinolone Magnesium in Chelatkomplexen, sodass es zu einem temporären Mangel an diesem Mineralstoff kommt. In gut durchbluteten Geweben kann dieser offenbar rasch wieder ausgeglichen werden, nicht jedoch im nicht vaskularisierten Gewebe im Bereich der Sehnen. Dort führt der Magnesiummangel zu einer Störung der Integrinfunktionen. Integrine sind Membranproteine, die Zellen – beispielsweise Sehnenzellen – sowohl miteinander als auch mit Zellen der Extrazellulärmatrix verbinden und daher auch als Adhäsionsmoleküle bezeichnet werden. Ihre Funktion und die ihrer Rezeptoren (z. B. β1-Integrin-Rezeptoren) sind von Kationen wie Magnesium abhängig.
Forschungsbedarf bei Nebenwirkungen auf Retina und Aorta

Weniger gute Erklärungen hat man bisher für Nebenwirkungen an der Retina und der Aorta gefunden. Zwar hat es Versuche gegeben, Aspekte der „Sehenruptur-Theorie“ auf diese Organe zu übertragen. Doch Stahlmann vertritt die Ansicht, dass solche Analogieschlüsse nicht haltbar sind. Schon allein deshalb, weil Auge und Aorta wegen der guten Durchblutung einen Mangel an funktionell verfügbarem Magnesium rasch ausgleichen könnten. Auch seien die epidemiologischen Daten durchaus widersprüchlich. Zwar hatten kanadische Autoren gezeigt, dass bei Augenarzt-Patienten unter Ciprofloxacin, Levofloxacin oder anderen Chinolonen ein signifikant höheres Risiko für Netzhautablösungen bestand als bei Patienten, die ein ß-Laktamantibiotikum erhalten hatten. Hingegen war in einer weiteren, US-amerikanischen, Studie aus dem Jahr 2014 mit umfangreichen Datenanalysen ein solches Risiko nicht erkennbar gewesen. „Insgesamt kann man wohl davon ausgehen, dass der ursprünglich postulierte Zusammenhang zwischen einer Chinolon-Behandlung und Retinaschäden nicht existiert und es sich eher um eine zufällige Häufung solcher Fälle handelt“, resümiert Stahlmann.

Forscher aus Taiwan hatten im Oktober 2015 erstmals eine Assoziation zwischen der Einnahme eines Chinolons und dem Auftreten eines Aorten-Aneurysmas oder einer Aortendissektion beschrieben. Auch hier konnte noch kein Kausalzusammenhang bewiesen werden. „Die Autoren der Arbeit diskutieren zum Beispiel die Möglichkeit, dass die morphologischen Veränderungen der Aorta auch Zufallsbefunde sein könnten“, erläutert Stahlmann. Seiner Ansicht nach müssen nun die Resultate weiterer Studien abgewartet werden, bevor diese schwerwiegenden Gefäßveränderungen auf die Liste der unerwünschten Fluorchinolon-Wirkungen aufgenommen werden können.

Dr. Claudia Bruhn, Apothekerin / Autorin DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de



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